Pollnow

Sagen und Erzählungen in und um Pollnow


1. Die wilde Jagd am Niedersee.

Am Niedersee bei Sydow wurde im vorigen Jahrhundert viel Kalkbrennerei betrieben. Dabei war auch ein alter Arbeiter beschäftigt, der besonders nachts die Öfen versehen mußte. Er hatte sich am Waldrande eine Schutzhütte gebaut und wärmte sich an einem Feuer. Gern briet er sich dabei Fische, die er im Niedersee oder in der Radüe fing.
So ging er einmal spätabends - es war im Mai - noch nach dem Fluß, um mit einem Senknetz ein paar Barsche zu fangen, die in Scharen auf- und abwärts schwammen. Eine Kienfackel gab ihm das nötige Licht.
Da hörte er es plötzlich in der Ferne sausen und brausen. Dunkle Wolken bedeckten schnell den Himmel; laute Rufe erschallten; Hunde kläfften und Geheul ertönte. Da wußte er, daß die wilde Jagd im Anzuge war. Er warf das Netz hin und fing an zu laufen, um zur Hütte zu kommen, stürzte, sprang wieder auf und jagte weiter. Die wilde Jagd aber kam rasend schnell näher. Auf einmal war um ihn ein fürchterliches Getöse. Es knallte und klatschte über ihm und neben ihm. Die Bäume peitschten im Sturm, und es dröhnte, als wenn viele Pferde vorbeijagten. Links und rechts neben sich sah er unheimliche Schatten und hörte Kreischen, Juchen, Schreien und wildes Gelächter.
Da sprang aus dem Gebüsch mit einem ungeheuren Satze ein riesiger Hund - oder war es ein Wolf? - und jagte neben ihm her. Kalt lief es ihm über den Rücken, und seine Haare sträubten sich. Endlich sah er sein Feuer; er war bei seiner Hütte. Mit keuchendem Atem sprang er hinein. Der Hund blieb davor stehen und starrte ihn mit geöffnetem Maule, heraushängender Zunge und glühenden Augen an.
Der Mann saß still und sagte kein Wort; aber er sah das Tier ebenfalls unverwandt an. Auf einmal erschallte ein gellender Pfiff. Mit einem gewaltigen Sprunge war der Hund verschwunden; das Getöse verklang in der Ferne, und es wurde wieder ganz still.
Den Schrecken aber hat der Alte lange Zeit nicht vergessen können, und es mußte jetzt des Nachts immer jemand bei ihm bleiben.


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2. Der wilde Jäger bei Gutzmin.

Diese Geschichte hat meine Großmutter erzählt, die hat sie von ihrem Vater gehört:
„Früher waren in Gutzmin viele Schafe. Ein Schäfer mußte sie auf den Feldern und in der Heide hüten. Des Nachts blieben die Schafe oft draußen; der Schäfer aber hatte einen kleinen Wagen mit einem Dach. Darin hatte er sich aus Stroh und Decken ein Lager gemacht und schlief bei seinen Schafen. Er mußte auch nachts aufpassen, damit Wölfe oder Diebe ihm kein Schaf stahlen. Seine beiden großen Hunde halfen ihm, die Schafe zu bewachen. Weil der Schäfer nun schon alt war, nahm er gern seinen Tochtersohn mit. Der war ein mutiger Junge und hatte keine Angst, auch wenn er im Dunkeln allein war.
An einem Abend, als der Mond so hell durch die Wolken schien, lag der Großvater im Stroh und schlief ein bißchen. Der Junge saß vorn im Wagen und schaute hinaus nach den Schafen, die rundherum standen oder lagen. Auf einmal fing es in der Ferne an zu sausen. Ein Sturm brach los, und dicke Wolken jagten am Himmel vorüber, daß der Mond verdunkelt wurde. Der alte Schäfer wachte auf, rief die Hunde, die winselnd unter dem Wagen lagen, und ging zu den Schafen. Der Junge aber blieb vorn im Wagen sitzen, lauschte auf den Sturm, sah, wie die Bäume sich bogen, und freute sich über die jagenden Wolken.
Plötzlich hörte er im Brausen des Sturms einen großen Lärm; es klang, als wenn Pferde trabten, Peitschen knallten, Hunde bellten und Männerstimmen riefen, und über ihm in den Lüften gellte ein wildes Pfeifen, Knallen und Blasen. Das machte ihm solchen Spaß, daß er auch anfing zu pfeifen; er tutete durch die hohlen Hände und rief: Hallo! Hallo! daß es schallte.
Da huschte auf einmal ein Schatten an ihm vorüber in den Wagen, schon stand ein riesengroßer Jäger vor ihm, der rief: „Jag’ den Hasen heraus!“ Er sagte: „Hier ist doch kein Hase!“ Aber der Jäger rief wieder: „Jag’ den Hasen heraus!“ Da langte der Junge in das Stroh, faßte wirklich einen Hasen und warf ihn dem Jäger zu. Der griff ihn und rief: „Hast mitgerufen und mitgepfiffen; sollst auch mit teilen!“ riß den Hasen auseinander und schleuderte ihm die eine Hälfte zu. Dann war er verschwunden, und es wurde alles still.
Der Junge warf den halben Hasen unter den Wagen; denn er meinte, den könnten nachher die Hunde fressen. Als der Großvater kam, erzählte er sein Erlebnis. Der Großvater sagte nichts weiter, aber er hob das blutige Fleisch auf und legte es in den Wagen. Der Junge schlief nun ruhig ein.
Als er am andern Morgen aufwachte, saß der Großvater neben ihm im Wagen und hatte den halben Hasen in der Hand. Aber wie er genauer hinsah, war es kein Hase mehr, sondern ein Beutel voll Gold.“ - „So etwas erleben die Schäfer öfter“, sagt meine Großmutter, „darum sind die alle so reich.“


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