Pollnow

Sagen und Erzählungen in und um Pollnow


10. Die Unererdschkes.

Bei dem Stubbenteich oder bei dem Chomitzsee haben früher Unererdschkes gehaust. Alle Sonntagmorgen kamen sie aus ihren Höhlen hervor und tanzten am See, nachdem sie ihre Wäsche gewaschen und auf den Büschen aufgehängt hatten. Der Förster mit seinen Leuten hat sie oft gesehen.
Einmal hütete dort ein Schäfer seine Herde. Er aß gerade sein Vesperbrot, als ein kleines Weiblein zu ihm trat und um ein Stück Brot für sich und ihre hungrigen Kinder bat. Am nächsten Tag solle er es wiederhaben. Der Schäfer gab ein Stück Brot. Als er am nächsten Tage wieder dort weidete, überfiel ihn ein tiefer Schlaf. Als er erwachte, lag in seinen Armen ein frisches, noch warmes Brot. Aber nun sind die Unterirdischen von diesem See fortgezogen.


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11. Die Bernsteinzwerge in Forth bei Pollnow.

Früher haben in den Bergen bei Forth Zwerge gewohnt. Die Leute nannten sie auch Unererdschkes und erzählten von ihnen, daß sie allerlei Schätze hätten und auch zaubern könnten. Aber man bekam sie sehr selten zu sehen, denn sie waren sehr scheu und führten ein geheimnisvolles Leben.
Einmal war ein Mann auf seinem Felde, das an die Berge grenzte, beim Mähen. Zur Mittagszeit brachte seine Frau ihm das Essen nach, Erbsen mit Speckschwarten, stellte den Topf an den Waldrand in den Schatten und ging dann wieder nach Hause, um die Kuh zu melken und die Kinder zu versorgen.
Nachdem der Mäher sein Schwad bis zum anderen Ende des Feldes fertig gemäht hatte, ging er langsam im Schatten der Waldbäume zurück, um zu ruhen und zu essen. Da bemerkte er von weitem, daß sich beim Topfe etwas bewegte. Weil es so rot leuchtete, meinte er, es wäre ein Fuchs, und schlich sich leise hinter den Sträuchern näher. Nun sah er mit Erstaunen, was sich da bewegte, das war kein Fuchs; das waren ja kleine Männlein mit langen Bärten und roten Kappen. Sie hatten den Deckel vom Topf gehoben und schnupperten mit den Nasen ganz vergnügt den aufsteigenden Dampf des Essens. „Ach, das sieht gut aus!“ sagte der eine. „Das riecht auch gut,“ meinte der andere. „Das schmeckt auch gut!“ rief der dritte, und jeder nahm nun einen Löffel voll, immer reihum.
Währenddessen war der Mäher vorsichtig ganz dicht herangekommen, ohne daß die Zwerge bei ihrer Beschäftigung ihn bemerkt hattten. „Ei, was für Füchslein sind da bei meinem Essen?“ sagte er plötzlich laut hinter ihnen. Erschrocken sprangen die Männlein auf und waren husch-husch-husch verschwunden. Aber eines hatte sein rotes Käppchen verloren. Der Mäher hob es auf. Es sah schon alt und recht schäbig aus. „Das ist zwar nur ein geringes Pfand“, sagte er, „aber besser als gar nichts“ und steckte es in die Tasche. Dann setzte er sich nieder und löffelte den Rest der Erbssuppe aus.
Als er gerade fertig war und noch den Löffel ableckte, fühlte er, daß etwas an seiner Jacke zupfte. Hinter ihm stand eins von den kleinen Männlein; aber es hatte keine Mütze und bat: „Gib mir meine Kappe wieder!“ „Ei“, rief der Mann lachend, „und was bekomme ich für meine schöne Erbssuppe, die ihr mir gemaust habt?“ Das Männlein sagte: „Du sollst viel mehr bekommen, als deine Suppe wert ist; aber gib mir auch meine Kappe wieder!“
„Dann laß einmal sehen, was du geben willst!“ erwiderte der Mäher. Nun führte ihn da Männchen eine kurze Strecke weiter in den Wald bis dahin, wo am Berge die große, alte Kiefer stand. Zwischen Steinblöcken und Wurzel war hier eine Öffnung in der Erde wie bei einem Fuchsbau. Das Männlein sagte: „Wart’ ein bißchen!“ und verschwand in dem Loche. Bald aber kam es wieder und brachte ein großes Stück Bernstein, der glänzte ordentlich in der Sonne und sagte: „Das nimm für deine Erbssuppe!“ „Wenn ihr so gut bezahlt“, meinte der Mäher, „dann könnt ihr gern öfter von meinem Essen schmecken.“ „Dafür sollst du bedankt sein“, sagte der Zwerg, „wenn du mehr haben willst von diesen Steinen, dann komm nur zur Mittagsstunde vor unsere Tür und ruf hinein: Gib ab! Aber erzähl’ es keinem andern und - komm nicht zu oft!“ Nun bekam er sein Mützchen und verschwand im Berge.
Der Mann ging wieder an seine Arbeit. Am Abend aber besann er sich nicht lange. Da er keine großen Reichtümer hatte und jeden Groschen brauchen konnte, trug er den Bernstein in die nahe Stadt, verkaufte ihn und bekam eine Menge Taler dafür.
Von nun ab stellte er, wenn er auf dem Felde zu tun hatte, sein Essen absichtlich in das Gebüsch und freute sich, wenn er merkte, daß die Zwerge davon gegessen hatten. Wenn er einmal nötig Geld haben mußte, dann ging er zur alten Kiefer und rief in das Loch: „Gib ab!“ und jedesmal wurde richtig ein Stück Bernstein herausgeworfen.
Das ging lange Zeit so; er litt mit seiner Familie niemals mehr Not und konnte sich hin und wieder auch etwas Gutes leisten.
Als er aber einmal bei einer Hochzeitsfeier mit seinen Bekannten recht fröhlich war, kamen sie ins Reden und Prahlen. Da konnte er seinen Mund nicht halten und prahlte auch geheimnisvoll mit seinem Glück. Die andern wurden nun neugierig und setzten ihm solange mit Redensarten und Fragen zu, bis er alles erzählte. Als sie nun durcheinander riefen, das wollten sie auch probieren, tat es ihm leid, daß er sein Geheimnis verraten hatte; aber nun war es zu spät.
Die andern gingen auch sehr bald hin, gleich mehrere auf einmal. Der erste rief: „Gib ab!“ und richtig wurde ein Stück Bernstein herausgeworfen. Nun rief der andere, und auch er bekam ein Stück. Als aber der dritte rief, tönte aus der Erde eine Stimme: „Heut ist ’s genug!“ Die andern lachten ihn nun aus. Er aber fühlte sich betrogen und wollte nicht leer heimgehen. Darum rief er immer wieder, fing schließlich an, die Unterirdischen zu beschimpfen und warf Knüppel und Steine in das Loch. Doch alles blieb still. -
Noch oft hat sich der Mann geärgert, daß er zum Schwätzer geworden war. Als er wieder zum Berg kam und sein: Gib ab! rief, zeigte sich kein Männlein mehr, er konnte rufen, soviel er wollte. Er ist noch oft hingegangen, hat Erbssuppe und anderes vor die Öffnung gestellt; es war alles vergeblich. Die Unterirdischen waren verschwunden, Bernstein bekam er nicht mehr, und die guten Tage waren vorüber.
Ja, ja, so kommt es, wenn man nicht den Mund halten kann.


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