Pollnow

Sagen und Erzählungen in und um Pollnow


16. Der Geist in den Varbelower Bergen.

Die Varbelower Berge, die man auch die „Zwölf Apostel“ nennt, sind den Menschen schon seit Jahrhunderten eine unheimliche Gegend gewesen. Holz- und Beerensammler, Briefträger, Hirten und nächtliche Wanderer haben hier die wunderlichsten Dinge erlebt.
In diesen Waldbergen wohnte nämlich ein Geist. Er erschien den Menschen in den verschiedensten Gestalten. Manche sahen ihn als einen großen, grauen Mann mit einem großen, grauen Hunde, andere als Reiter ohne Kopf oder als ein kleines Männchen mit einem spitzen Hut. Oft ritt er auf einem Stier, dann wieder auf einem Ziegenbock durch die Gegend. In der Dunkelheit kam der Geist wohl auch als schwarzer Hund, oder er wurde zu einem unheimlichen Wesen, das den Menschen auf den Rücken sprang, sie würgte und sich tragen ließ, bis sie, in Schweiß gebadet, fast zusammenbrachen. Er riß die Pilz- und Beerensucher unvermutet an den Haaren und erschreckte die Kiensucher. Tags machte er den Hirten das Vieh wild, daß es sich in toller Jagd zerstreute; nachts öffnete er die Ställe, so daß die Tiere in die Wälder und Felder liefen und mit großem Ärger lange gesucht werden mußten. Wo er es noch gut meinte, sägte und hackte der Geist über Nacht Holz, aber mit soviel Spektakel, daß die Leute nicht schlafen konnten.
Die Menschen haben darum oft versucht, ihn zu bannen; aber es gelang immer nur auf kurze Zeit. Er erschien bald wieder und trieb dann sein Unwesen noch schlimmer. In der letzten Zeit jedoch hat man nichts Genaueres von ihm gehört; aber recht geheuer ist es in den Bergen auch heute nicht.
Manche Leute meinen jetzt auch, der Geist eines verstorbenen Herrn gehe dort um, um nach dem Rechten zu sehen und Diebe zu erschrecken.


Inhalt

17. Der Alf am „Ilepaul“ bei Pollnow.

Nach dem Glauben der Leute ist der Alf ein Hausgeist wie der Rotjackte. Er stiehlt für seinen Herrn allerlei zusammen und macht ihn reich. Er zieht durch die Luft als funkensprühender Glutstreifen oder als feuriger Drache und verschwindet im Schornstein.
Wer den Alf ziehen sieht, kann ihn zwingen, von seinem Raube etwas abzugeben, indem er ruft: „Halv Part!“ oder „Hull Deilung!“ Er läßt dann von dem, was er trägt, etwas fallen. Man muß dabei aber unter einem Dache stehen, sonst bewirft er den Rufer mit Läusen oder Unrat.
Vor ungefähr sechzig Jahren wollte ein Handwerksmeister aus Pollnow im Herbst noch spät am Abend in Geschäften über Land gehen. Seine Frau und andere Angehörige, welche zugegen waren, rieten ihm ab, so spät zu gehen. Vor Mitternacht könne er nicht zu Hause sein und er wisse doch, die Nacht sei keines Menschen Freund. Er aber lachte und sagte: „Wat kann me passiere, me deet keie Minsch un kein Düwel wat.“ Er ging, nahm jedoch, weil alle zuredeten, die Laterne mit.
Als er auf dem Rückwege bei dem „Ilepaul“ war, erschien der Alf über ihm, feurig und leuchtend. Er nimmt rasch seinen Krückstock, schlägt einen Kreis um sich und ruft: „Halv Part!“ Da fängt es an zu rasseln und zu poltern, als wenn Steine herunterfallen. Seine Laterne wird zerschlagen, und er ist ganz im Dunkeln.
Er geht ganz zerschlagen nach Hause. Wie er in die Stube tritt - seine Frau hat auf ihn gewartet -, ruft sie ganz erschrocken aus: „Minsch, wo siehst du ut? Wat is de passiert? So räd doch!“ Er hat nur den Kopf geschüttelt und mit der Hand abgewinkt.
Nach langer Zeit erst hat er sein Erlebnis erzählt und gesagt, keine Macht der Erde bringe ihn mehr dazu, nochmals des Abends so spät auszugehen.


Inhalt