Pollnow

Sagen und Erzählungen in und um Pollnow


18. Wie der Kulengraben bei Großreetz entstand.

Es war vor so vielen Jahren, daß sich niemand mehr genau erinnern kann, zu welcher Zeit es wirklich geschehen ist. Der Wind ging zwar schon damals über die Felder wie heute und sang oder stöhnte in den Kiefern und Tannen, die kraus und schwarz auf den Bergen zum Himmel emporwuchsen. Auch die Sonne schien, und die Wolken zogen am Himmel dahin und tränkten die Erde mit Regen.
Aber in den Sturmnächten jagte der wilde Jäger mit seinem Gefolge durch die Lüfte; in den Bergen und Schluchten hausten still die Unterirdischen, und die Wölfe heulten in den dunklen Wäldern.
Schon lange wohnten auch Menschen in der schönen Talebene, in der heute Straße und Eisenbahn von Pollnow aus an den Bergen, die man die Zwölf Apostel nennt, vorbei ihren Weg in die Welt suchen.
Der breite Graben, der heute die Ebene bei Groß Reetz der Länge nach durchzieht - er wird Kulengraben genannt -, war aber noch nicht vorhanden, auch nicht die liebliche Waldschlucht, in der heute der Reetzer Bach die alte Walkmühle treibt, um dann in vielen Windungen eilig hinab zur Grabow zu springen. Das stille Tal gab den Menschen reichlich Korn und Brot, auch gute Weide für ihr Vieh, und sie wußten auch sehr wohl, daß sie diesen Segen vor allem den Unsichtbaren in den Lüften und in den Waldbergen verdankten. Gern sahen sie darum die Spuren der Kleinen aus den Bergen auf ihren Feldern; sie neigten sich erfurchtsvoll, wenn das himmlische Heer durch die Lüfte brauste, und wenn sie das Getreide vom Felde holten, ließen sie mit Weihewünschen die letzte Garbe zurück als Opfer für den „Alten“.
Allmählich aber wurde das anders. Ein Fremder war in das Tal gekommen, arm und still. Er durfte sich am Waldrande eine Hütte bauen und in Feld und Wald und Wasser seine Nahrung suchen. Da er sich hier und da nützlich machte und half, war er gut zu leiden, nur - daß er die Holden und Unholden nicht achtete und gering von ihnen sprach, gefiel den Bewohnern nicht. Aber allmählich war sein Wesen doch in manchem zu merken, besonders bei dem jungen Volk, das die Ehrfurcht vor dem Glauben und Brauch der Alten mehr und mehr verlor. Vergeblich mahnten und warnten die Alten. Man murrte, wenn man den Himmlischen spenden sollte; man lachte über die Unterirdischen; Weidevieh zertrat ihre Hänge, und lauter Lärm der Buben verscheuchte sie. Ja, ihr geheimnisvoller Born auf dem Deefkenberge wurde manchmal böswillig verunreinigt.
Aber auf die Dauer ließen sich die Heimlichen in den Lüften und in der Erde doch nicht ungestraft verhöhnen. Das Korn stand in der Reife, als das große Unglück über das Tal kam. Über den Waldbergen erhob sich eine schwarze Wolkenwand; grelle Blitze erhellten die schwüle Sommernacht; lauter und lauter grollte die Stimme des Donners. Immer näher schob sich das Gewitter auf das Tal zu, in dem jetzt die Menschen mit Bangen sich unter ihre niedrigen Dächer drückten. Und dann brach das Unwetter los mit furchtbarer Gewalt, mit Sturm, Regen und Hagelschlag. Gewaltige Wassermassen überfluteten die Felder und sammelten sich in der Mitte des Tales zum tobenden Strome. -
Endlich - endlich kam nach der schrecklichen Nacht der Morgen; das Gewitter verzog sich; der Regen hörte auf, und friedlich strahlend erschien die Sonne wieder. Aber nun kam über die verängstigten Menschen ein neuer Schrecken: der wilde Strom im Tale wurde immer stärker und stärker. Er stieg bis an die Häuser und Ställe und führte schon hier und da Hausrat und Vieh mit sich. Die Menschen mußten bergen und retten.
Der Tag verging, das Wasser strömte weiter. Ein neuer Morgen kam nach banger Nacht; unvermindert tobte die Wasserflut durch die Ebene und durch den Wald dem Grabowtale zu. Tiefer und tiefer wurde die Erde ausgewaschen, daß die Hänge schroff zum Wasser abfielen. Hohe Tannen, dicke Buchen und starke Eichen verloren mit dem Erdreich ihren Halt und stürzten krachend in die Strömung, die brausend über sie hinweg ging.
Woher kam nur der wilde Wasserstrom? Warum wurde er nicht schwächer, obwohl ihn schon längst kein Regen mehr speiste? Man suchte und forschte nach der Ursache.
Endlich entdeckte man, daß die Flut aus jenem Born der Unterirdischen auf dem Deefkenberge quoll; der mußte also verstopft werden. Alles, was arbeiten konnte, machte sich daran, den Unglücksquell mit Steinen, Strauch und Erde zuzuschütten. Aber alle Mühe war vergeblich; es schien vielmehr, als ströme das Wasser nach jedem Versuch, es einzudämmen, nur noch stärker hervor. Mutlos ließen die Menschen schließlich die Arbeit ruhen. Sie wußten nun, das war die Rache der Unterirdischen für alle Störungen und Verhöhnungen.
In Wut und Haß suchten sie den Fremden. War er es nicht gewesen, der zuerst über die Heimlichen gespottet und sie geschmäht hatte? Er war schuld an dem Unglück; er mußte sterben. Doch wo seine Hütte gestanden hatte, gähnte jetzt eine tiefe Schlucht, in der das Wasser über gefällte Baumstämme schäumte, und jeder fühlte, daß hier die Rache nicht mehr nötig war.
Aber die Quelle mußte doch geschlossen werden, sonst versanken bald alle Felder und Hütten im Wasser; dann waren Haus und Heimat verloren. Da gingen sie zu der alten Ahne, der weisen Helferin des ganzen Tales. Sie kannte alle heilenden und todbringenden Wurzeln und Kräuter; ihre Sprüche halfen in mancherlei Krankheit bei Menschen und Vieh; sie wußte auch um die Geheimnisse der Holden und Unholden; die fragten sie um Rat.
Lange schwieg die Alte und sann, schaute still über die Flehenden hinweg nach den Bergen, ehe sie endlich leise sagte, es müßte diesmal wohl etwas Besonderes geopfert werden, um den Zorn der Unterirdischen zu beschwichtigen; das Beste, was Menschen hätten, müßten sie in den Brunnen versenken. Da eilten sie, um ihre Schmucksachen und manche wertvolle Habe in den Quell zu werfen. Doch als die Alte das hörte, schüttelte sie den Kopf. Ob sie nicht wüßten, was der Kleinen in den Bergen größtes Begehren sei? Da wurden die Männer still, und die Mütter erblaßten und hielten ihre Kinder fester im Arm. Scheu gingen sie auseinander, Furcht im Herzen und Mißtrauen in den Blicken.
Aber die Not stieg und drängte nach Abhilfe. Ein Murren und Fordern ging lauter und lauter unter den Menschen um, umschlich die Hütten und saß mit ihnen abends am Herdfeuer, bis die übermüdeten Augen zufielen und die Wachsamkeit der Mütter einschlief.
Um die Mitternacht erhob sich leise die Ahne von ihrem Sitz und trat vor die Tür der Hütte; dort standen in der Dunkelheit schon einige Männer. Ein kurzes Flüstern war zu hören; dann verschwanden sie im Dunkel der Nacht.
Als der nächste Tag anbrach, gab es ein Staunen im ganzen Tale. Der wilde Strom war zum kleinen Wässerchen geworden, das unschädlich auf dem Grunde des breiten und tiefen Grabens, der nun in der Ebene sichtbar wurde, dahinplätscherte. Hoffend und zweifelnd standen die Menschen. War das Unglück nun auch wirklich vorüber? Bald wußte es ein jeder: der Unheilsbrunnen war versiegt; die Felder wurden wieder trocken; man durfte wieder hoffen, arbeiten, ernten und leben.
Trotz der großen Schäden überall schallten frohe Rufe durch das Tal; sie übertönten das bittere Weinen einer jungen Mutter, die vergeblich ihr kleines Kind suchte, das über Nacht von ihrer Seite verschwunden war, als sie im schweren Schlaf der Übermüdung lag.
Der Sitz der Ahne blieb seit dieser Nacht leer. Eine Zeitlang fragten die Kinder noch nach ihr. Dann sahen die Alten jedesmal stumm hinauf nach dem Deefkenberg und geboten Schweigen. Doch ging fortan ein leises Raunen unter den Menschen, sie sei in jener Nacht, als sie den Zürnenden das Opfer brachte, auch hinabgeglitten in den Strudel, um Fürbitte zu tun für die Heimat und Sippe.
Friedlich schaut seit vielen Jahrhunderten der Deefkenberg hernieder auf die Ebene, über die in ewigem Wechsel in jedem neuen Jahre Säen und Ernten, Blühen und Welken geht. Hoch ragen an der Waldschlucht die Eichen und Buchen zum Himmel empor. Die Not jener fernen Zeit ist längst vergessen.
Vergessen? Durch das Tal klingt eine alte Sage.


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