Pollnow

Sagen und Erzählungen in und um Pollnow


34. Bismarck in Pollnow.

Als Bismarck schon Kanzler des von ihm geschaffenen Deutschen Reiches und also ein berühmter Mann war, besuchte er wieder einmal sein Gut Varzin in Hinterpommern. Nun gab es damals hier noch recht wenig Eisenbahnen; selbst die Strecke von Neustettin über Zollbrück nach Schlawe, die der Volksmund später die Bismarck-Eisenbahn nannte, war noch nicht gebaut.
Der große Reichskanzler benutzte darum bei seinen Reisen nach Varzin auch die Postkutsche. So kam er einmal von Köslin her durch Pollnow, wo die Pferde gewechselt wurden. Das Postgebäude befand sich in der Grünen Straße, die heute Rummelsburger Straße heißt. Während der Postillon die neuen Rosse holte, stieg Bismarck aus und ließ sich am Markt rasieren. Als er fertig war, ging er vor dem Posthause einigemal auf und ab.
Gegenüber an der andern Seite der Straße wohnte der Schuhmacher Rux, ein sehr neugieriger Mann, dessen Hauptbeschäftigung es war, die Reisenden zu beobachten, die bei der Post ein- und ausstiegen. Als er den Fremden sah, legte er den Stiefel, an dem er gearbeitet hatte, rasch aus der Hand, ging hinüber und setzte sich vor dem Posthause auf die Bank.
Schließlich setzte auch Bismarck sich dort nieder, und nun fing der neugierige Schuhmacher ein Gespräch an. Gar zu gern hätte er gewußt, woher und wer der Fremde sei. „Wat sind Sei?“ fragte er endlich geradezu. „Wat sind Sei?“ fragte Bismarck zurück. „Ick bin Schauster,“ sagte Rux. „Na, ick bin uck Schauster,“ antwortete Bismarck, zog seine Zigarrentasche und bot seinem neuen Bekannten eine Zigarre an. „Neke, neke, dei behulle Sei man; dei ware Sei unnerwegs gaud alleine bruke,“ meinte der Schuhmacher bescheiden.
Inzwischen war die Anwesenheit des Reichskanzlers aber in der Stadt bekannt geworden, und der Bürgermeister erschien mit einigen Magistratspersonen, um ihn zu begrüßen. Nun meldete auch der Postillon in dienstlicher Haltung, daß die Postkutsche zur Weiterfahrt bereit sei.
Mit steigender Verwunderung hatte der Schuster dies alles angesehen. Als Bismarck einsteigen wollte, drängte er sich heran und meinte kopfschüttelnd: „Seike, Sei sind doch woll kein Schauster.“ „Nu hätt hei dat doch rutkräge,“ sagte Bismarck, und der Wagen rollte davon.


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35. Feldmarschall Wrangel und Pollnow.

Der Generalfeldmarschall Wrangel, überall als „Papa Wrangel“ bekannt, war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wohl die beliebteste Soldatengestalt des preußischen Heeres. Die hohe Wertschätzung und Beliebheit, deren er sich erfreute, fand ihren Ausdruck in zahllosen Erzählungen und Anekdoten, die vielfach noch jetzt im Volke umlaufen.
Nirgendwo aber wird sein Name wohl auch heute noch so häufig genannt wie in der Stadt Pollnow, die ihn im Jahre 1864 zu ihrem Ehrenbürger ernannte. Nach ihm heißt der alte Gasthof am Markt der „Wrangelshof“. Hier versammelten sich bis vor wenigen Jahren die greisen Veteranen und jungen Reservisten des Kriegervereins, dessen Ehrenmitglied Wrangel gewesen war, wenn es galt, vaterländische Feste zu feiern oder einem alten Kameraden das letzte Geleit zu geben. Das Bild des Generalfeldmarschalls schmückte den Versammlungsraum. Mit dem von Wrangel geschenkten Ehrendegen in der Hand führte der Kommandeur den Zug unter schmetternder Musik durch die Stadt. Wrangelplatz und Wrangeleiche bezeugen heute noch: „Papa Wrangel“ bleibt in Pollnow unvergessen.
Wenn die große Verehrung, die dem alten Generalfeldmarschall hier dargebracht wurde, teilweise wohl auch auf seine allgemeine Volkstümlichkeit zurückzuführen war, so hatte sie hier in Pollnow doch noch tiefere Gründe:
Im Jahre 1773 kaufte sein Vater, der Major Friedrich Ernst von Wrangel, Schloß und Stadt Pollnow von der Familie Glasenapp, die das Lehen 300 Jahre besessen hatte. Damit endigte für die Bürger eine Zeit härtester Feudalherrschaft und unerträglichen Drucks. Durch verschiedene Vergleiche wurden jetzt die Lasten gemildert und das Untertänigkeitsverhältnis abgeschafft. Als nach dem Tode des Patronatsherren von Wrangel und seiner Gemahlin, die beide in der Kirche zu Pollnow beigesetzt wurden, die Besitzung 1806 in andere Hände überging, blieb eine innere Bindung der Stadt an die Familie bestehen.
Ein Sohn der Verstorbenen, der später so berühmt gewordene Feldmarschall, stiftete zur Unterhaltung der Gruft seiner Eltern 100 Rtl. Anläßlich der Feier seiner goldenen Hochzeit schenkte er der Kirche eine silberne Armenbüchse mit der Bestimmung, daß der Betrag der Sammlung jährlich am 26. Dezember unter den Stadtarmen zu verteilen sei, und spendete selbst als Einlage ein Goldstück im Werte von 20 Franks. Dazu übersandte er ein Kapital von 100 Rtl. zu dem Zweck, alljährlich am 7. April, dem Geburtstage seines Vaters, die Zinsen einer armen Familie als Unterstützung zuzuwenden. Erst mit der Geldentwertung nach dem Weltkriege verlor diese Stiftung, unter dem Namen „Wrangelbüchse“ bekannt, ihre Bedeutung.
So war es nur ein Ausdruck der Dankbarkeit, wenn die Stadt dem „Papa Wrangel“ das Ehrenbürgerrecht verlieh, weil gerade diese Stadt, die jahrhundertelang harte Adelsherrschaft kennengelernt hatte, besonders empfänglich war für menschliche Güte und Hochherzigkeit.


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