Pollnow

Sagen und Erzählungen in und um Pollnow


57. Der Richter und der Teufel.

In einem Dorfe lebte ein armer Tagelöhner mit sieben Kindern. Kein Wunder, daß es da knapp zuging, denn der Gutsherr erhöhte trotz der großen Kinderschar das zuständige Brotkorn nicht. Als nun noch gar der Vater plötzlich starb, wollte die Not kein Ende nehmen; die Witwe konnte schon so sich mit ihren Kleinen kaum vor dem Hungetode bewahren und sollte jetzt noch aus ihren Mitteln heraus einen Ersatzmann stellen. Das ging nicht. Aber der Herr wußte Rat; er fuhr zum Richter in die Stadt, und der sprach, als sein guter Freund, dem armen Weibe seine Kuh ab, damit sich der Gutsherr daran schadlos halte. Auch erlaubte er ihm, die Familie aus dem Dorfe zu vertreiben.
Die Frau siedelte nun in das Nachbardorf über; die Kinder wuchsen heran und konnten der Mutter helfen, so daß die Witwe nach wenigen Jahren wieder an den Ankauf einer neuen Kuh denken durfte. Zu dem Zwecke wanderte sie am nächsten Johannismarkte in die Stadt.
Denselben Markttag war der ungerechte Richter früh aufgestanden, um sich an der frischen Luft zu ergehen. Er stellte sich vor den Spiegel, bewunderte seine schmucke Gestalt und rief dann aus: „Wie stattlich sehe ich aus und wie stolz darf ich sein, daß auf mein Gebot hin alle Leute bei dem Namen des Herrgotts schwören müssen und ich trotzdem tun und lassen kann, was ich will.“ Sodann machte er sich auf den Weg.
Vor dem Tore begegnete ihm ein ebenso feiner Herr, wie er selbst war. Da derselbe ohne Gruß an ihm vorüber schritt, rief er ihm zu: „Warum grüßt er denn nicht? Bin ich ihm etwa nicht bekannt?“ „Gewiß kenne ich dich“, erwiderte jener. - „Nun, wie heißt er denn, da er so unverschämt gegen mich auftritt?“ - „Das beste wär’s eigentlich, du erführst meinen Namen nicht; aber da du’s wissen willst, so will ich ihn dir nicht verschweigen. Ich bin der Teufel und will mir am heutigen Johannismarkt holen, was mir von Rechts wegen zukommt.“
Der Richer war neugierig, was der Teufel wohl als sein rechtmäßiges Eigentum ansehen würde, da auch er die falsche Meinung hatte, der Böse handle nur unrecht, und bot sich deshalb dem Teufel zum Begleiter an. Es dauerte nicht lange, so begegneten sie einer Frau, welche ein Kind auf dem Arme trug und zwei andere an der Hand führte. Weil die Kleinen, um ihre Schaulust zu befriedigen, bald hier, bald dort stehenblieben, so riß dem Weibe endlich die Geduld, und es rief: „Ich wollt’, daß euch der Teufel hole.“
„Nun, jetzt greif zu“, sprach der Richter zum Teufel. „Nein“, erwiderte dieser, „ich darf nicht, denn es ist ihr nur im Ärger herausgefahren; es ist nicht ihr Ernst.“
Sie gingen weiter; da sahen sie einen Bauern, der ein störrisches Schwein vor sich her trieb, um es auf dem Markte zu verkaufen. Da das Tier an jeder Ecke haltmachte und nicht weitergehen wollte, rief der erboste Mann: „Verfluchtes Tier, hol’ dich der Teufel!“
Als der Richter dies hörte, rief er: „Jetzt, lieber Teufel, greif zu; denn wenn du auch dieses laufen läßt, dann wirst du überhaupt nicht zu deinem Rechte kommen.“ „Nein“, sprach der Teufel, „auch das Schwein steht mir nicht zu. Der Bauer hat es monatelang gemästet und muß von seinem Erlöse Schulden bezahlen. Es war ihm mit seiner Rede nicht Ernst. Ich werde doch noch zu dem Meinigen kommen.“
Unter diesen Gesprächen schritten sie auf den Kuhmarkt zu, wo gerade die Witwe sich eine schöne Kuh erhandelt hatte. Kaum sah sie den Richter, so schrie sie: „O, du barmherziger Gott, der will mir gewiß auch diese Kuh absprechen! O käme doch der Teufel und holte ihn!“ - „Siehst du,“ sagte darauf der Teufel zum Richter, „der ist’s Ernst“, und sofort packte er seinen Begleiter bei den Haaren und flog mit ihm durch die Luft davon.


Inhalt

58. Wenn man an Gespenster glaubt.

I. Der Musiker und das Gespenst.

Ein Musiker hatte in einem Dorfe zum Tanz gespielt, und es war recht spät geworden und dunkle Nacht, als das Fest zu Ende war und er sich auf den Heimweg nach Pollnow begeben konnte. Beim Abschied neckten die jungen Leute ihn, wollten ihn graulich machen und sagten, er solle sich nur in acht nehmen, daß ihm kein Gespenst begegne. Er prahlte aber mit seinem großen Mut und mit seiner Klugheit; an Gespenster glaube er nicht, es gäbe auch keine; damit könne man nur dumme Leute einschüchtern.
Als er aber in der Dunkelheit auf Varbelow zuging, fielen ihm doch so mancherlei Geschichten ein, die er von den Leuten gehört hatte; sein Mut war gar nicht mehr so groß, und er sah recht oft scheu in die schwarzen Schatten der Sträucher und Bäume, an denen er vorüber kam. Sie waren so finster und so unheimlich; wer konnte wissen, was sich hinter ihnen verbarg.
Nun kam er gerade an einem dunklen Wäldchen vorbei, da - - horch! - Waren das nicht Schritte hinter ihm? Ganz deutlich klang es von rückwärts: Tapp - tapp - tapp - tapp.
Erschrocken drehte er sich um, sah aber nichts, und nun hörte er auch nichts mehr. Was konnte das gewesen sein? Ein Mensch? Oder wirklich ein Gespenst? Er ging schneller; doch nun tappte es wieder ganz vernehmlich hinter ihm. Die Angst drehte ihm das Gesicht in den Nacken; aber wieder war nichts zu sehen. So ging er schneller und immer schneller, und immer waren die tappenden Schritte hinter ihm. Plötzlich fühlte er einen Stoß in die Kniekehle. Vor Schreck stieß er einen Schrei aus und griff hinter sich. O Grauen! Er fühlte etwas Haariges, Feuchtes. Nun verließ ihn die Besinnung völlig; das Grauen kroch ihm über den Rücken und seine Haare sträubten sich. In ihm war nur noch blinde Angst; er lief, was er konnte. Aber das half ihm nichts; hinter ihm tappten hartnäckig die unheimlichen Schritte, und je schneller er lief, umso schneller rannten sie hinter ihm her.
Halb ohnmächtig kam er endlich nach Varbelow und stürzte auf das erste Haus zu, in dem er Licht sah. Dort waren die Leute noch wach; denn der Bauer erwartete neuen Segen im Kuhstall. Ganz erstaunt ließ er den verängstigten Musiker ein, der atemlos an die Tür polterte und aufgeregt immer nur etwas vom Gespenst stammelte. Kopfschüttelnd ging endlich der Bauer hinaus, um selber nachzusehen. Aber mit lautem Lachen kam er wieder in die Stube; denn draußen stand ein - - - Kalb, das von der Weide entlaufen war und nun Gesellschaft gesucht hatte.
So war die ganze schreckliche Gespensterangst umsonst gewesen.

II. Der Drescher und das Gespenst.

Heute kann so etwas wohl kaum noch geschehen; denn mit den vielen Maschinen, die jetzt auch der Bauer auf dem Lande hat, wissen die Gespenster nicht Bescheid. Daher mag es wohl auch kommen, daß die Menschen kaum noch eine richtige Gespenstergeschichte erleben. Was soll z. B. ein Gespenst mit einer Dreschmaschine anfangen, die so laut und hastig brummt und rattert, daß man sein eigenes Wort nicht verstehen kann? Da war es früher doch anders, wenn das Korn mit dem Flegel gedroschen wurde, oft wochenlang im Spätherbst und Winter, von morgens drei oder vier Uhr an bis zum Abend. Das war wohl eine schwere Arbeit; trotzdem klang das: Klupp - klipp - klapp - klapp! - Klupp - klipp - klapp - klapp! doch recht gemütlich, und noch behaglicher war der Dreitakt: Klupp - klipp - klapp! - Klupp - klipp - klapp! Zu zweien war das Dreschen freilich etwas langweilig, und gern holte sich der Bauer den dritten und vierten Mann zu Hilfe, nötigenfalls aus dem Nachbardorfe.
So half auch ein Mann aus Reckow in Gerbin beim Dreschen. Die Leute hatten sich über Tag nicht geschont und die Flegel tüchtig geschwungen. Der Reckower war darum nicht böse, als er nach einem guten Abendbrot und einem kräftigen Gläschen Schnaps am Abend seinen Flegel über die Schulter hängen und seine müden Knochen heimtragen konnte.
Wie er so wohlgelaunt des Weges dahinging, klopfte ihm plötzlich jemand auf den Rücken. Verwundert drehte er sich um, aber es war niemand da. Nach ein paar Schritten fühlte er das Klopfen wieder, und wieder war niemand zu sehen. Nun wurde ihm die Sache bedenklich. Meldete sich da ein Geist? Eiligst schritt er weiter; aber häufiger und häufiger fühlte er nun am Rücken das leise Klopfen, ohne daß jemand zu erblicken war. Jetzt hatte er bald keinen Zweifel mehr daran, daß ein Gespenst ihn unsichtbar begleitete; aber Gespenster bringen nichts Gutes. Ihm wurde heiß und kalt; er ging schneller und schneller; er lief zuletzt. Aber alle Augenblicke fühlte er das unheimliche Klopfen. Er murmelte alle Sprüche, die er wußte; das Klopfen blieb. Ihm wurde mehr und mehr zur Gewißheit, daß ihm sein baldiger Tod angesagt werden sollte.
Ganz erschöpft und ermattet kam er zu Hause an. Seine Angehörigen erschraken über sein verstörtes Wesen und fragten erschrocken, was ihm wäre. Mit Mühe nur konnte er berichten, was er erlebt hatte. Gedrückt hörten alle zu; nur der Nachbar, der zufällig anwesend war, meinte mit etwas niederträchtigem Grinsen: „Di hätt doch ma bloß din Flegel anstött, den du upp ‘n Puckel hädst!“ Na, das gab eine Erlösung, ein Gelächter und - eine Beschämung.
Noch oft mußte der Drescher den Spott der andern darüber anhören, daß er sich vor seinem eigenen Flegel gefürchtet hatte.


Inhalt