Pollnow

Sagen und Erzählungen in und um Pollnow


59. Des Wolfes Leidensgeschichte.

Eine Stute war mit ihrem Fohlen auf der Weide. Da kam ein hungriger Wolf an und suchte, sich des Fohlens zu bemächtigen. Die Stute sah ein, daß hier nur List retten könne, lief dem Wolf hinkend entgegen und rief ihm zu: „Willst du nicht mein Junges nehmen? Ich mag es nicht mehr haben. Doch eine Liebe ist der andern wert; du mußt mir dafür vorher den Splitter, den ich mir in den rechten Hinterfuß getreten habe, herausziehen.“ Der Wolf war hoch erfreut darüber, auf so leichte Weise zu einer guten Beute zu kommen, willigte sogleich ein und näherte sich dem Hinterbein der Stute. Kaum war er jedoch mit dem Maule an den Huf gekommen, als die Stute ihm einen solchen Schlag gegen den Schädel versetzte, daß er bewußtlos zusammenbrach. Als er sich wieder erholt hatte, waren Pferd und Fohlen längst verschwunden.
Da aber sein Hunger noch größer geworden war, erhob sich der Wolf mühsam, um weiter zu gehen. Bald sah er zwei Ziegenböcke, welche sich um ihre Weideplätze zankten. Weil er meinte, sie hätten ihn bei ihrem Streit nicht bemerkt, schlich er vorsichtig näher, um sie zu überraschen. Sie hatten ihn aber schon längst gesehen und den ganzen Streit nur aus List angefangen. Als er näher kam, baten sie ihn, Schiedsrichter zu sein. Den, welcher Unrecht bekommen würde, dürfe er zum Lohne fressen. Der Wolf willigte gern ein, und nun mußte er sich zwischen den beiden Böcken aufstellen. Diese blinzelten sich heimlich mit den Augen zu und rannten plötzlich mit so großer Wucht auf den Wolf los, daß ihm die Rippen im Leibe brachen und er wie tot zu Boden sank.
Erst nach langer Zeit kam er wieder zu sich, aber da war von den Ziegenböcken nichts mehr zu sehen. Mit zerschlagenem Kopfe und zerbrochenen Rippen setzte er darum seine Wanderung fort und traf endlich eine Sau mit neun Ferkeln, die sorglos am Mühlengraben wühlten. Diesmal erschien ihm ein guter Braten ganz sicher. Die Sau aber hatte gut aufgepaßt und den alten Räuber rechtzeitig erblickt. Sie lief ihm entgegen und rief: „Friß doch eins oder zwei von meinen Ferkeln, ich kann sie gar nicht mehr alle ernähren, denn es sind ihrer zu viele.“ „Sehr gern“, erwiderte der Wolf und wollte gleich zubeißen. „Ach nein,“ sprach da die Sau, „zuvor müssen wir sie doch taufen, damit sie selig sterben.“
Der Wolf war’s zufrieden, und sie gingen zur Wassermühle, an die Stelle, wo das Wasser auf das Mühlrad herabfällt. Dort schob die Sau ein Brett halb über die hölzerne Rinne und stellte sich auf das andere Ende, damit es nicht hochwippte. Der Wolf mußte sich nun so auf das Brett setzen, daß er sich über dem Wasser befand, um die Ferkel taufen zu können.
Gerade als ihm das erste Ferkel hinübergereicht werden sollte, trat die Sau aber zurück. Das Brett wippte, und der Wolf fiel auf das Mühlrad, wurde von den Schaufeln tüchtig zerschlagen und dann ins Wasser geschleudert, aus dem er erst mit vieler Mühe kaum sein Leben zu retten vermochte. Sau und Ferkel aber hatten inzwischen längst Abschied genommen.
Mißmutig und ganz am Leben verzagend hinkte der Wolf nun zurück in den Wald, wo ein alter Besenbinder mit seinem Beile Holz schlug und Reiser suchte. Wie der den Wolf erblickte, kletterte er vor Angst auf einen Baum. Der Wolf hatte ihn in seinem Kummer gar nicht bemerkt, sondern legte sich unter denselben Baum und verwünschte sein Schicksal. „Ach,“ seufzte er, „ich bin so unglücklich, würfe doch der liebe Gott ein Beil herab und erschlüge mich.“ Der Besenbinder, nicht faul, warf ihm mit tüchtigem Schwunge sein Beil auf den Schädel. Da schrie der Wolf noch auf: „O, du lieber Gott, so ernst hatte ich es nicht gemeint!“, und dann verschied er.


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60. Der Fuchs und die Gans.

Eine Gans, die friedllich auf dem Felde graste, sah plötzlich dicht neben sich Bruder Reinhard, der sich unbemerkt herangeschlichen hatte. Da an ein Entfliehen nicht mehr zu denken war, verbarg sie ihren Schrecken und rief dem Fuchs zu: „Komm doch her und hilf mir suchen; ich habe einen Groschen verloren. Finde ich den nicht wieder, so will mir der Bauer den Kopf abschlagen. Dann wäre es mir noch lieber, wenn du mich fräßest.“
Der Fuchs tat ganz bereitwillig und machte sich mit an das Suchen, obgleich er nur den Gänsebraten im Auge hatte und an den Groschen gar nicht dachte. Dabei blieb er stets dicht an der Seite der Gans, so daß es dieser nicht gelang, abseits zu gehen und zu entfliehen, wie sie gewollt hatte. Gar bald erklärte er denn auch, das Geldstück sei nicht zu finden und er wolle die Gans nun fressen. Dabei packte er sie auch schon mit der Schnauze am rechten Flügel. Die Gans erklärte, sie sei zum Sterben bereit, doch solle der Fuchs ihr vorher noch die eine Freude machen und mit ihr tanzen. Der Fuchs ließ sich erbitten und schlenkerte sie lustig im Kreise herum. Die Gans schien darüber sehr vergnügt zu sein und schrie zum Tanze fröhlich ihr „Kiijack! Kiijack!“ Da vergaß sich der Fuchs und rief lustig: „Hopsassa, Hopsassa!“ Dabei hatte er aber das Maul geöffnet und den Flügel der Gans losgelassen. Diese, durch den Tanz in Schwung gebracht, erhob sich plötzlich in die Luft. Von dort rief sie dem verblüfften Fuchs zu, sie wolle nur dem Bauern Bescheid sagen und von ihm Abschied nehmen; er solle nur nach dem Hofe nachkommen und rufen: „Bedenk di! Bedenk di!“, dann würde sie sich bei ihm einstellen. Damit flog sie dem Gehöfte zu, wo sie sich auf dem großen Teiche niederließ.
Der Fuchs folgte ihr auch arglos nach, kroch durch ein Loch des Zaunes in den Garten und rief der Gans zu: „Bedenk di! Bedenk di!“ Die Gans aber schwamm lustig auf dem Wasser umher und rief: „Du, ick häww mi all bedacht!“ Da liefen auch schon die Hunde, die durch das Geschrei aufmerksam gemacht worden waren, herbei und wollten dem Fuchs das Fell zerzausen. Dieser merkte jetzt, daß er betrogen war, nahm schleunigst Reißaus und sprach ingrimmig zu sich: „Das ist das erste und letzte Mal, daß ich mich am Ende eines Dinges bedacht habe; künftig werde ich mit dem Bedenken anfangen.“


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